„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“
Mit der Furcht ist es so eine Sache. Sie überfällt einen vor einer Prüfung, sie schleicht sich nachts in Träume, sie wartet an der Schwelle vor entscheidenden Lebensveränderungen. Wird gelingen, was ich mir vorgenommen habe? Lösen sich meine Sorgen im Licht des Tages auf? Ist meine Entscheidung richtig und muss ich sie später nicht bereuen?
Mit der Angst ist es nicht viel anders. Auch wenn es die Unterscheidung gibt, dass Furcht sich eher auf etwas Konkretes richtet und von außen eindringt, Angst dagegen eher von innen kommt und einen allgemeinen Zustand meint. Wenn ich mitten in Angst und Furcht stecke sind diese Unterscheidungen wenig hilfreich. Denn diese Gefühle sind bedrückend. Sie machen mir das Leben schwer und manchmal auch das Handeln, weil sie lähmen können. Aus lauter Angst und Furcht mache ich dann lieber gar nichts. Diese Gefühle hindern mich manchmal zu spüren, dass ich selbstwirksam sein und handeln kann.
Und es stimmt ja auch: Vieles läuft im Moment so, dass ich Angst und Furcht in mir aufkommen spüre. Krieg wird mitten in Europa geführt, auch hybrid. Menschen fliehen vor Krieg, Gewalt, Hunger oder den Auswirkungen des Klimawandels. Unsere Demokratie steht in einem Stresstest, den wir vor Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Populisten und Extremisten zerren an den Grundwerten unseres Zusammenlebens und gehen mit einfachen Antworten auf äußerst vielschichtige Herausforderungen auf Stimmenfang.
Angst und Furcht. Darum geht es in der Losung für das nächste Jahr. Sie steht im Buch des Propheten Jesaja (Jesaja 41,10): „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!“
Ich als Person werde hier direkt angesprochen. Keine Gruppe, keine Nation. Sondern ich als einzelnes Individuum. So wie mir bei der Taufe persönlich zugesprochen wurde: „Du bist mein geliebtes Kind!“ In dieser so individuellen Ansprache steckt für mich auch die biblische Botschaft verborgen: Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gott. Jeder Mensch hat eine unverlierbare Würde. Daher: „Fürchte dich nicht, hab keine Angst.“
Wer sich mit dem Jesaja-Buch ein wenig näher beschäftigt, der wird schnell merken: Hier spricht keiner billigen Trost aus nach dem Motto „Alles nur halb so schlimm, mach nicht so ein Gewese!“
Nein, in diesem Prophetenbuch wird die Angst nicht kleingeredet, Probleme werden nicht ignoriert und Schwierigkeiten nicht schöngeredet. So ist es nirgendwo in den biblischen Worten. Kaum eine Botschaft zieht sich so deutlich durch alle Schriften und Jahrhunderte hindurch wie diese: Fürchte dich nicht.
Natürlich gibt es Entwicklungen und Entscheidungen, die zu fürchten sind und die Angst machen. Aber das Gegenmittel der Bibel lautet: „Du musst deine Sorgen, deine Angst, deine Furcht nicht allein tragen.“ Gott ist da. Er steht zu seinen Versprechen, seine Schöpfung zu erhalten, die Friedensstifter zu stärken, dem Bösen Einhalt zu gebieten und Mut zu schenken, wo er nötig ist. Du bist nicht allein.
Dieser Zusage Gottes will ich vertrauen: Gott ist da. Und andere Menschen sind mit mir unterwegs. Ganz konkret im Hier und Jetzt, aber auch vor uns waren Andere da, auf deren Schultern wir gleichsam stehen. Und wir geben an die nächste Generation weiter, was wichtig ist zum Leben.
So wünsche ich Ihnen und Euch ermutigende Begegnungen in den nächsten Monaten und ein gesegnetes Jahr 2027!

Ihre/Eure

Sabine Preuschoff
Regionalbischöfin
für den Sprengel Stade